Im Sommer 1989 nutzte das Ehepaar Marwitz einen Aufenthalt
in London, um persönlichen Kontakt zu Frau Erna Wachenheimer
aufzunehmen.
Frau Erna Wachenheimer gehört zwar nicht im engeren Sinn
zu den ehemaligen jüdischen Bürgern in Biebesheim, da sie
selbst nur wenige Wochen vor ihrer Eheschließung im Jahr 1933
in Biebesheim lebte. Aber ihr Mann,
Max Wachenheimer, war gebürtiger Biebesheimer.
Er lernte nach seiner Schulzeit bei seinem Onkel
Isaak Wachenheimer in Frankfurt am Main den Beruf des
Juweliers und knüpfte für ihn schon bald geschäftliche
Beziehungen u.a. in London. Im 1. Weltkrieg wurde Herr
Wachenheimer zum Kriegsdienst eingezogen und erhielt dafür
noch von den Nationalsozialisten, als er schon in London
lebte, eine Auszeichnung als Frontkämpfer.
Als im Jahr 1933 der menschenverachtende Antisemitismus der Nationalsozialisten immer unverhüllter zu Tage trat,
beschloss Herr Wachenheimer, mit seiner Ehefrau nach England auszuwandern. Er übernahm dort die Niederlassung seines
Onkels und baute sie zu einer bedeutenden
Silberwarenmanufaktur aus.
Der Besuch von Elfriede Marwitz bei Erna Wachenheimer führte
dazu, dass Frau Wachenheimer wichtige Dokumente und
Gegenstände aus der ehemaligen Synagoge Biebesheims an den
"Arbeitskreis jüdische Geschichte in Biebesheim" gab, der sie
an den "Förderverein jüdische Geschichte und Kultur im Kreis
Groß-Gerau" und an das Biebesheimer Heimatmuseum weitergab.
Diese Gegenstände und Dokumente waren nach London gekommen,
weil viele jüdische Familien Biebesheims auf dem Weg ins Asyl
zuerst nach London reisten, um von dort aus in ihr Zielland
zu gelangen. Als sich die israelitische Kultusgemeinde
auflöste und die Synagoge zum Verkauf kam, wurden die
beweglichen Kult- und Einrichtungsgegenstände unter den letzten Familien verteilt. In London fanden die Durchreisenden
tatkräftige Unterstützung bei dem Ehepaar Wachenheimer. Die
von Biebesheim mitgebrachten Erinnerungsstücke aus der
Synagoge vertrauten sie zum größten Teil Herrn Wachenheimer
an, der sich ohnehin schon für die Geschichte seiner Familie
interessiert und Dokumente gesammelt hatte.