Vorwort des Biebesheimer Bürgermeisters
Die Geschichte der Juden in Biebesheim
Bei der Beschäftigung mit jüdischer Geschichte in Deutschland überlagern die Schrecken des Holocausts oft den Blick
auf die jahrhundertealte gemeinsame Geschichte von Christen und Juden in
unserem Land. Die lange Zeit des wechselvollen gemeinsamen Lebens in derselben
Umgebung gerät leicht in Vergessenheit. Das vorliegende Heft zur Geschichte der
Juden in Biebesheim bettet den Abschnitt über die Zeit ab 1933 deshalb zu Recht
in ein längeres historisches Umfeld ein. Die Autorinnen und Autoren fördern vieles
zutage, was der breiten Bevölkerung vergessen gegangen ist. In Biebesheim gab
es über Jahrhunderte eine anerkannte Landjudengemeinde mit einem bemerkenswerten
Eigenleben. Allein die Tatsache, dass im Lauf der Zeit mehrerer Synagogen
gebaut wurden und neben der christlichen Kirche im Ort bestanden, zeugt von der
Vitalität der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Eine Vitalität, die nur gewaltsam
durch die nationalsozialistischen Machthaber gebrochen werden konnte.
Bei Gesprächen mit älteren Biebesheimer
Bürgerinnen und Bürgern erlebe ich immer wieder, dass das Gespräch auf die
Synagoge in der Bahnhofstraße kommt. Der Gesang der jüdischen Kinder beim
Besuch der Judenschule am Sabbat hat sich tief in das Gedächtnis der Zeitzeugen
eingeprägt. Ein Erlebnis, das uns Heutigen versagt ist. Was bleibt, ist die
Erinnerung an Freud und Leid einer gemeinsamen Geschichte lebendig zu erhalten
und die richtigen Schlüsse für die heute anstehenden politischen Entscheidungen
zu ziehen. Menschliches Zusammenleben im kleinen wie im großen politischen
Rahmen bedarf stets der alltäglichen Erneuerung des großen Einleitungssatzes
unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Thomas Rahner